Einführung
In diesem Artikel betrachten wir, wie Kunst bewertet wird, und beziehen dabei Faktoren ein, die über reine Preisüberlegungen hinausgehen. Wie in vielen anderen Bereichen des Kunstmarkts haben auch Kunstbewertungen und Expertisen in jüngster Zeit einen Wandel erlebt - angetrieben durch die fortschrittlichen Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz (KI).
In Diskussionen über finanzielle Bewertungen liegt der Fokus häufig auf Preisen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt beobachtet werden, insbesondere auf jenen, die durch Auktionshäuser geprägt sind. Auktionspreise dienen nicht nur als Orientierung für Verkaufspreise, sondern fließen oft auch in Versicherungswerte und Vermögenseinschätzungen ein. Diese Verfahren verfolgen jedoch meist eine stark kurzfristige Perspektive. Dadurch bleiben komplexere Wertesysteme und alternative Ansätze unberücksichtigt, die eine differenziertere Beurteilung des Werts eines Kunstwerks ermöglichen könnten.
Hinzu kommt, dass etablierte Bewertungsmethoden neue Werke aufstrebender Künstlerinnen und Künstler häufig nur unzureichend erfassen – vor allem dann, wenn noch keine Auktionsergebnisse vorliegen oder die Arbeiten nicht ohne Weiteres über Auktionsplattformen handelbar sind. Traditionelle Auktionen bevorzugen zudem überwiegend Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen und Fotografien. Mit Installationen, performativen oder anderen eher ephemeren Ausdrucksformen sowie mit digitaler Kunst tun sie sich dagegen oft schwer.
Zunächst sollten wir uns bewusst machen, dass Kunst nicht nur ein finanzieller Vermögenswert ist. Sie ist stets mit kulturellen, historischen und symbolischen Bedeutungen sowie mit emotionalen Bindungen verknüpft. Deshalb ist es wichtig, verschiedene Bewertungsrahmen heranzuziehen, die ein umfassenderes Verständnis des Wertes eines Kunstwerks ermöglichen. Faktoren wie der Hintergrund der Künstlerinnen und Künstler, die Provenienz eines Werks, sein Erhaltungszustand und der Kontext seiner Entstehung spielen eine wesentliche Rolle bei der Wertbestimmung. Darüber hinaus können sowohl die Resonanz des Publikums als auch kunstkritische Anerkennung erheblich beeinflussen, wie ein Werk im Laufe der Zeit bewertet und eingeordnet wird.
Diese erweiterte Betrachtung hat zum Ziel, neue Perspektiven zusammenzuführen, die über grundlegende finanzielle Kennzahlen hinausgehen, und verschiedene Bewertungssysteme jenseits reiner Preisanalysen vorzustellen. Dieser ganzheitliche Ansatz soll einen umfassenderen Dialog darüber anstoßen, was es bedeutet, Kunst in der heutigen dynamischen Landschaft zu bewerten, und fundiertere Entscheidungen im Hinblick auf Erwerb, laufende Wertdokumentation und Verkauf von Kunst ermöglichen.
Die wichtigsten Gründe, über alternative Wertesysteme für Sammlungen nachzudenken, sind:
1. Die Entwicklung langfristiger strategischer Perspektiven auf Künstlerinnen, Künstler und Kunstwerke. In einer Podiumsdiskussion auf der Art Basel Paris 2024 betonte Sophie Perceval, Mitbegründerin von Wondeur AI, die zentrale Bedeutung der Zeitlichkeit für die Preisbildung. Es existiert nie der eine Preis; Preise entwickeln sich kontinuierlich, verändern sich, können stabil bleiben oder erheblich schwanken. Ein vertieftes Verständnis dafür, wie sich Karrieren von Künstlerinnen und Künstlern ganzheitlich entwickeln – besonders in volatilen Märkten – hilft, langfristige Perspektiven nicht aus den Augen zu verlieren und Kunstwerke in einem breiteren zeitlichen Kontext zu bewerten.
2. Auktionsresultate spiegeln weniger als 1 % der zeitgenössischen Kunstproduktion wider. Neunundneunzig Prozent der Künstlerinnen und Künstler – und damit auch ihrer Werke – verfügen entweder über keinen Auktionsmarkt oder über einen so begrenzten, dass Auktionspreisanalysen keine belastbaren Daten liefern. Wenn jedoch ausgerechnet Auktionswerte als Grundlage für Preisfindung, Versicherungen und andere Bewertungsprozesse herangezogen werden, stellt sich unweigerlich die Frage: Wie gehen wir mit den 99 % der Kunstwerke um, die in Auktionsresultaten gar nicht erst auftauchen?
Um fundierte Entscheidungen zu ermöglichen, müssen alternative Preissysteme entwickelt werden, die Sammlerinnen und Sammlern verlässliche Bewertungen bieten - selbst dann, wenn die von ihnen unterstützten Künstlerinnen und Künstler nicht aktiv am Sekundärmarkt teilnehmen.
3.Auktionsdaten vernachlässigen zwei entscheidende Faktoren bei der Etablierung eines künstlerischen Marktes: den Einfluss der Primärgalerie, die die Erstpreise festlegt, sowie die Bedeutung kommerzieller und nicht-kommerzieller Ausstellungen, die eine Plattform bieten, um Werke zu präsentieren und ein Publikum zu erreichen. Die Anerkennung des Beitrags von Ausstellungen zur Wertbestimmung eines Künstlers erhöht dessen Sichtbarkeit und unterstützt zugleich die Kanonisierung in der Kunstgeschichte. Bereits seit Langem bewerten Plattformen wie Artfacts (seit 2001) und der deutsche Kunstkompass (seit 1970) Künstlerinnen und Künstler anhand ihrer Ausstellungstätigkeit. Neuere Unternehmen wie Wondeur AI analysieren ebenfalls das Ausstellungsgeschehen, um künstlerischen Wert zu bestimmen, und integrieren dabei Künstliche Intelligenz erfolgreich in ihre Bewertungsmodelle.
Aus diesen Gründen ist es sinnvoll, alternative Wege zur Bestimmung des Wertes einer Sammlung einzubeziehen:
1. Obwohl die Kunstkritik derzeit in einer Krise steckt, bleibt die Bewertung von Kunstwerken durch Kritikerinnen, Kritiker sowie Kuratorinnen und Kuratoren ein wertvoller Orientierungspunkt bei der Entdeckung neuer Künstlerinnen und Künstler.
Die Auseinandersetzung mit etablierten Kunstkritikerinnen und -kritikern sowie renommierten Kunstpublikationen kann dabei helfen, sich in der Vielzahl vorhandener künstlerischer Positionen zurechtzufinden. Zugleich sollte dem wachsenden Einfluss von Influencern im Kunstmarkt mit einer gewissen Vorsicht begegnet werden.
Dirk Boll unterstreicht in seiner jüngsten Publikation die Bedeutung der Kunstkritik:
„Gleichzeitig hat der Eintritt jüngerer Künstler direkt auf Museumsebene die Dauer des normalerweise erforderlichen ‚Marschs durch die Institutionen‘ um zehn bis zwanzig Jahre verkürzt. In dieser Zeit ist die Kunstkritik besonders wichtig, da die Öffentlichkeit eine neutrale Bewertung der Künstler erwartet. Es ist fraglich, ob dies allein durch kuratorische Arbeit im Museum ausgeglichen werden kann.“ (Boll 2024, 2/22)
2. Ebenso erweitern Systeme wie jene von Wondeur AI und anderen Unternehmen das Verständnis für die Bedeutung von Künstlerinnen und Künstlern, indem sie deren Ausstellungstätigkeiten systematisch erfassen – und ihre Auswertungen sind äußerst aufschlussreich.
Der Einsatz von KI‑gestützten Tools hat diese Systeme weiter verbessert und ihre Aussagekraft deutlich erhöht. Die Berichte ermöglichen es, die Karriereentwicklung eines Künstlers von seinen frühesten Ausstellungen an nachzuverfolgen – selbst dann, wenn seine Werke (noch) nicht auf Auktionen gehandelt werden.
Die KI‑Modelle von Wondeur können dabei verschiedene Wertdimensionen abbilden: den intrinsischen Wert eines Künstlers (im Vergleich zu vielen anderen), den Liquiditätswert auf Auktionen (durch Analyse erzielter Auktionspreise) sowie den Einzelhandelswert in Galerien (durch Vergleich von Galeriepreisen). So entsteht ein umfassenderes und belastbareres Bild des künstlerischen Marktwerts.
3. Es ist außerdem wichtig, zwischen dem Wert der gesamten künstlerischen Praxis und dem Wert eines einzelnen Kunstwerks als eigenständigem Objekt zu unterscheiden.
Während der Fokus häufig auf einzelnen Werken liegt – etwa für Preisfindung, Versicherung oder Verkauf –, existieren verschiedene Systeme, die helfen, das Gesamtwerk und die künstlerische Entwicklung umfassender zu erfassen. Diese Ansätze können auch kollaborative Projekte bewerten, die nicht von einer einzelnen Künstlerpersönlichkeit stammen und nicht zwangsläufig in einem singulären Objekt resultieren.
Zu solchen Systemen gehören unter anderem die bereits genannten Künstler-Rankings sowie andere „Top 100“-Listen, die stärker die langfristige künstlerische Bedeutung statt nur einzelner Arbeiten berücksichtigen.
4. Künstliche Intelligenz ist ein äußerst wertvolles Werkzeug, nicht nur zur Bestimmung des Marktpreises eines Kunstwerks. Dank ihrer Fähigkeit, große Datenmengen zu verarbeiten, Muster und Trends zu analysieren und Prognosen zu erstellen, kann KI das potenzielle finanzielle Wertentwicklungspotenzial eines Kunstwerks mit bemerkenswerter Genauigkeit einschätzen. Darüber hinaus erweist sie sich als äußerst effektiv, wenn es darum geht, die langfristige Wertentwicklung einer künstlerischen Position insgesamt zu beurteilen.
Zwei Punkte jedoch sollten mit Vorsicht betrachtet werden und daran erinnern, dass man ausschließlich mit renommierten Schätzunternehmen oder vertrauenswürdigen Datenanalysetools und Bewertungsmodellen arbeiten sollte:
5. Das Versprechen der Zukunft: Auch wenn die oben genannten Punkte auf Expertenmeinungen, Datenbanken, Rankings, Big-Data-Systemen und KI beruhen, kann keiner dieser Ansätze die Zukunft vorhersagen. Niemand weiß, ob zukünftige Generationen ein bestimmtes Werk eines bestimmten Künstlers weiterhin in Museen sehen möchten. Ebenso wenig können wir abschätzen, ob der Preis, den wir heute zahlen, stabil bleibt oder sogar steigt. Wir müssen offen dafür bleiben, dass die Zukunft in hohem Maße unvorhersehbar ist.
6. Wer vertrauliche oder persönliche Daten zu einem Kunstwerk mit einer KI teilt, muss Vorsicht walten lassen und sicherstellen, dass diese Weitergabe rechtlich zulässig ist. Die USPAP haben 2024 Leitlinien für amerikanische Gutachter veröffentlicht, die betonen, dass KI-generierten Bewertungen nicht blind vertraut und vertrauliche Daten nicht unbedacht geteilt werden dürfen. Auch wenn KI-Tools große Mengen historischer Marktdaten verarbeiten und Trends analysieren können, erfordert die Weitergabe solcher Informationen sorgfältige Abwägung, insbesondere wenn offene KI‑Plattformen genutzt werden. Gleichzeitig trägt die Fähigkeit von KI, Kunstwerke und deren Kontext zu beschreiben, zu den Vorteilen der KI bei und kann Datenmanagement-Tools lebendiger und zugänglicher machen.
Zusammenfassung
Bewertungen waren und sind ein zentraler Bestandteil des Kunstvermögensmanagements. Das Aufkommen neuer, KI‑gestützter Instrumente, die von innovativen Unternehmen entwickelt werden, kann die Kunstbewertung und die Erstellung von Expertisen deutlich bereichern. Gleichzeitig bleibt eine sorgfältige Prüfung und Auswahl neuer Partner unverzichtbar.
Ein bislang unterschätzter Vorteil der KI‑gestützten Ansätze von Unternehmen wie Wondeur AI liegt in der Einbeziehung des Primärmarkts sowie der Ausstellungstätigkeit. Dieser Ansatz bildet die langfristige Wertentwicklung von Künstlerinnen und Künstlern deutlich umfassender ab als die herkömmliche Orientierung an reinen Auktionspreisen.
Weiterführende Literatur
Arte Generali: Going beyond price: alternative value systems in contemporary art. Talk during Art Basel Paris 2024. https://www.youtube.com/live/45yb3e5gS1Y
Dirk Boll: Art and its Market. HatjeCantz 2024.
Victoria Ivanova: Art’s Values. A Détente, a Grand Plié. Parse Issue 2, Autumn 2015. DOI: https://parsejournal.com/article/arts-values-a-detente-a-grand-plie/.
Artificial Intelligence and the Art World. Artnews. https://www.artnews.com/p/artificial-intelligence-and-art-world/
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