Wie kann ein Sammler eine Sammlung nachhaltig aufbauen?
Einleitung
Die Waldbrände in Los Angeles im Jahr 2024, ebenso wie zahlreiche ähnliche Ereignisse weltweit, machen deutlich, wie stark die Klimakrise inzwischen auch die Kunstwelt betrifft. Nicht nur große Katastrophen wie Brände oder Überschwemmungen gefährden Kunstsammlungen; auch kleinere, häufigere Vorfälle können erhebliche Schäden verursachen. Diese Entwicklungen führen dazu, dass Sammler ihre Kaufentscheidungen überdenken und sich intensiver mit der Frage beschäftigen, wie sie ihre Sammlung langfristig vor wachsenden Risiken schützen können.
Wer könnte besser über diese Risiken Auskunft geben als Jean Gazançon, CEO von ARTE Generali, der es auf den Punkt bringt: „Aus Sicht der Versicherungen sind die Folgen des Klimawandels bereits deutlich sichtbar, da Naturkatastrophen immer häufiger und schwerwiegender werden. Dieser Trend wird durch die bestehende Schutzlücke noch verstärkt: Derzeit sind nur 40 % der Risiken versichert, sodass 60 % ungeschützt bleiben.“
Nachhaltiges Kunstsammeln bedeutet, Kunst so zu erwerben, zu präsentieren und zu bewahren, dass die Umwelt möglichst wenig belastet wird und gleichzeitig faire, langfristige Beziehungen zu Künstlern und Gemeinschaften entstehen. Es handelt sich nicht um einen kurzfristigen Trend, sondern um einen Ansatz, der das Potenzial hat, den ökologischen und kulturellen Fußabdruck der Kunstwelt grundlegend zu verändern.
Der traditionelle Kunstmarkt hinterlässt einen erheblichen ökologischen Fußabdruck. Internationale Transporte, klimatisierte Lager, energieintensive Ausstellungen und der Einsatz nicht recycelbarer Materialien führen zu überraschend hohen CO₂-Emissionen. Hinzu kommen Faktoren, die zwar nicht in der CO₂-Bilanz erscheinen, aber dennoch gravierende Auswirkungen haben können, etwa die Ausbeutung von Arbeitskräften oder Ressourcen, der Einsatz giftiger Stoffe oder ungeeignete Präsentationsformen.
In Medien und wissenschaftlichen Publikationen werden häufig Nachhaltigkeitsinitiativen von Museen, Galerien und Kunstmessen hervorgehoben, insbesondere wenn Institutionen ihre eigenen Umweltziele kommunizieren. Viele Museen haben inzwischen umfassende Nachhaltigkeitsstrategien entwickelt; Galerien wie Hauser & Wirth (und zahlreiche andere) engagieren sich aktiv in der Gallery Climate Coalition (GCC). Das Thyssen-Bornemisza National Museum hat detaillierte Klimaziele veröffentlicht, und Kunstmessen wie die Art Basel arbeiten daran, Abfallmengen durch Materialwiederverwendung zu reduzieren und CO₂-Emissionen mithilfe nachhaltigerer Transportlösungen zu senken. Das Auktionshaus Christie’s ist sogar noch weiter gegangen und hat seine Umweltziele von der Science Based Targets Initiative (SBTi) validieren lassen.
Doch nachhaltige Entscheidungen sind nicht nur für Institutionen relevant. Auch private Kunstsammler können und sollten Verantwortung übernehmen. Nachhaltiges Sammeln kann erfüllend sein und eröffnet neue Perspektiven auf den Umgang mit Kunst. Die folgenden Empfehlungen sollen dazu anregen, alltägliche Sammelpraktiken zu überdenken, unabhängig davon, ob eine Sammlung groß oder klein ist.
Der Kunstmarkt insgesamt hat Nachhaltigkeit bislang nicht zu einer echten Priorität gemacht. Dennoch gibt es innerhalb des Marktes Akteure, insbesondere Versicherer und Kunstspeditionen, die täglich mit den Folgen der Klimakrise konfrontiert sind, die aktiv nachhaltigere Praktiken fördern, vor allem in den Bereichen Transport, Materialeinsatz und Energieverbrauch. Darüber hinaus sollten auch ethische Aspekte stärker berücksichtigt werden, etwa Arbeitsbedingungen oder die Ausbeutung von Künstlerinnen und Künstlern. Gerade in einem globalen Markt, in dem viele Sammler bevorzugt „weltweit“ kaufen, kommt diesen Fragen besondere Bedeutung zu.
Einige Sammler denken bereits über umfassendere, konzeptionelle Ansätze für nachhaltiges Sammeln nach. Dazu gehört etwa die Unterstützung von „Slow Art“, analog zur Slow-Fashion-Bewegung, oder die Förderung von Künstlern, die sich inhaltlich mit der Klimakrise auseinandersetzen oder bewusst in einem langsameren, ressourcenschonenden Rhythmus arbeiten. Auch manche Galerien versuchen, ihre Aktivitäten zu entschleunigen, indem sie die Zahl der Ausstellungen und Kunstmessen reduzieren.
Zu den wichtigsten praktischen Handlungsfeldern gehören die Reduzierung von CO₂-Emissionen bei Transport, Lagerung und Ausstellung, der Einsatz umweltfreundlicher Verpackungsmaterialien sowie die Zusammenarbeit mit nachhaltigen Dienstleistern und Lieferanten. Im Folgenden werfen wir einen genaueren Blick auf diese Bereiche.
7 Empfehlungen für nachhaltiges Kunstsammeln
1. Lokale Künstler unterstützen
Seit der Covid-Pandemie richtet sich der Blick verstärkt auf lokale Kunstszenen und die Vorteile, die eine Unterstützung regionaler Künstlergemeinschaften mit sich bringt. Wer Kunst lokal erwirbt, reduziert nicht nur Transportwege, Versandkosten und den Bedarf an aufwendigen Verpackungen, sondern stärkt gleichzeitig die nachhaltige Entwicklung der eigenen Region und ihrer Kulturlandschaft.
Tage der offenen Ateliers, lokale Galerien oder Kunstschulen bieten hervorragende Möglichkeiten, mit dem Sammeln von Kunst auf umweltfreundliche Weise zu beginnen und direkten Kontakt zu Künstlerinnen und Künstlern aufzubauen. Der unmittelbare Kauf bei den Kunstschaffenden hat zudem den Vorteil, dass der gesamte Verkaufserlös bei ihnen bleibt – eine besonders wirkungsvolle Form der direkten Unterstützung ihres Lebensunterhalts.
2. Nachhaltige Materialien verwenden
Arbeiten Sie mit Transportunternehmen, Spediteuren oder Galerien zusammen, die Kunstwerke mit umweltfreundlichen Materialien verpacken. Gerade professionelle Kunstspeditionen haben in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht, etwa durch die Entwicklung nachhaltigerer Verpackungslösungen oder die konsequente Wiederverwendung von Materialien, wann immer dies möglich ist. Unterstützen Sie Unternehmen, die solche Ansätze aktiv verfolgen.
Die Gallery Climate Coalition weist darauf hin, dass „der Transport eines Kunstwerks per Schiff statt per Flugzeug die klimatischen Auswirkungen einer Reise um rund 95 % verringern kann“. Gleichzeitig gelten die Grundprinzipien eines verantwortungsvollen Materialeinsatzes weiterhin: vermeiden, wiederverwenden, reduzieren, umfunktionieren, recyceln. Gleichzeitig ist zu bedenken, dass der Seetransport auch Risiken birgt, insbesondere bei langen Strecken, auf denen salzhaltige Luft und hohe Luftfeuchtigkeit Kunstwerke beschädigen können. Die Vor- und Nachteile sollten daher stets sorgfältig abgewogen werden. Zögern Sie sich nicht, Ihren Spediteur aktiv danach zu fragen, wie das Unternehmen nachhaltigere Geschäftsmodelle unterstützt und welche Maßnahmen konkret umgesetzt werden.
3. Kunstwerke in Betracht ziehen, die wenig Ressourcen verbrauchen
Nicht jedes Kunstwerk eignet sich für jede Umgebung. Je nach Standort und Klimazone können bestimmte Materialien deutlich pflegeintensiver sein als andere. So erfordert das Sammeln und Ausstellen von Papierarbeiten in Räumen mit stark schwankender Luftfeuchtigkeit dauerhaft eine stabile Klimatisierung, ein erheblicher Ressourcenverbrauch. Andere Materialien reagieren dagegen robuster auf solche Bedingungen.
Lassen Sie sich von Künstlerinnen, Künstlern oder Galerien beraten, wie sich ein Werk optimal pflegen lässt, damit es möglichst lange in gutem Zustand bleibt, ohne unnötig natürliche Ressourcen zu beanspruchen. Berücksichtigen Sie vorbeugende Konservierung bereits in Ihren Kaufentscheidungen und überlegen Sie, welche Werke wirklich zu den konkreten Rahmenbedingungen Ihrer Sammlung passen.
Nachhaltigkeit beginnt nicht erst beim Kauf oder Transport, sondern setzt sich in der kontinuierlichen, verantwortungsvollen Pflege der Kunstwerke fort, ein Aspekt, der für Sammlerinnen und Sammler zunehmend an Bedeutung gewinnt. Wie Jean Gazancon betont: „Prävention ist ein zentraler Pfeiler des Risikomanagements. Wir unterstützen unsere Kunden, indem wir ihnen Zugang zu Risikoexperten und spezialisierten Dienstleistern bieten, die dabei helfen, den Schutz von Gebäuden, Kunstsammlungen und kulturellen Einrichtungen zu verbessern.“
4. Nehmen Sie sich Zeit
Ein kürzliches Gespräch mit dem Manager eines Künstlerateliers verdeutlichte, dass Käufer zwar verstehen, dass die Produktion eines Werks Zeit braucht, sobald sie jedoch wissen, dass das Kunstwerk fertiggestellt ist, möchten sie es am liebsten am nächsten Tag erhalten. Das führt häufig dazu, dass ein Lufttransport gewählt wird, statt einer deutlich nachhaltigeren Versandoption. Überlegen Sie daher, ob Sie wirklich sofort liefern lassen müssen, oder ob es sinnvoller ist, auf eine ohnehin geplante Transportmöglichkeit zu warten. Dies spart nicht nur Kosten, sondern reduziert auch die Umweltbelastung.
Nehmen Sie sich außerdem Zeit, um genau zu überlegen, welche Kunstwerke Sie erwerben möchten. Folgen Sie einem kurzfristigen Trend, oder ist Ihre Entscheidung wirklich durchdacht? Unüberlegte oder spekulative Käufe, die den schnellen Weiterverkauf begünstigen und den Markt zusätzlich anheizen, sind per se keine nachhaltige Praxis.
Sich bewusst Zeit für Entscheidungen zu nehmen und den eigenen Sammelprozess zu entschleunigen, ist ein wichtiger Bestandteil nachhaltigen Kunstsammelns und führt langfristig zu besseren, erfüllenderen Kaufentscheidungen.
5. Sprechen Sie mit Künstlern
Einige Künstler passen bereits ihre Arbeitsmethoden an und verwenden mehr natürliche Materialien für ihre Kunstproduktion. Sprechen Sie mit Künstlern, damit sie erkennen, dass Sammler Wert auf die verwendeten Materialien legen. Verbraucher haben oft den größten Einfluss, um Veränderungen zu bewirken. Die kürzlich erschienene Publikation Touch Nature: Art in the Age of the Climate Crisis (von Sabine Fellner, Stephanie Buhmann und Susanne Keppler-Schlesinger, Böhlau 2024) präsentiert faszinierende Diskussionen zwischen Künstlern und ihren Überlegungen angesichts der Klimakrise.
6. Arbeiten Sie mit umweltbewussten Unternehmen zusammen
Unterstützen Sie Unternehmen, denen Umweltverantwortung und die Zukunft unseres Planeten wirklich am Herzen liegen. Auf diese Weise tragen Sie dazu bei, dass solche Betriebe ihre nachhaltigen Geschäftsmodelle fortführen und weiterentwickeln können.
Erst wenn mehr Käuferinnen und Käufer bewusst Entscheidungen treffen und dabei auch kritische Fragen zu nachhaltigen Praktiken stellen, wird der Kunstmarkt als Ganzes diesen Weg konsequenter einschlagen. Dabei geht es nicht nur um Speditionen: Auch Rahmenhersteller, Restauratoren, Galerien und Auktionshäuser sollten die ökologischen Auswirkungen ihrer Tätigkeit kennen, transparent kommunizieren und auf entsprechende Fragen kompetent reagieren können.
Viele Galerien haben sich bereits der oben erwähnten Gallery Climate Coalition angeschlossen, doch es existieren daneben zahlreiche weitere, häufig nationale Netzwerke von Unternehmen und Akteuren, die sich für mehr Nachhaltigkeit in der Kunstbranche einsetzen.
7. Hindernisse erkennen – aber sich nicht von ihnen leiten lassen
Viele Menschen empfinden es als schwierig, Nachhaltigkeitsaspekte in ihre Kaufentscheidungen einzubeziehen. Gründe dafür sind häufig höhere vermeintliche Kosten, fehlende Informationen oder die Sorge vor Greenwashing. Diese Bedenken sind nachvollziehbar. Doch je mehr man sich mit verfügbaren Ressourcen beschäftigt und Gespräche führt, in denen Nachhaltigkeit aktiv thematisiert wird, desto sicherer wird man in seinen Entscheidungen. Und oft sind nachhaltige Optionen nicht teurer als herkömmliche Alternativen. Wichtig ist: Nachhaltiges Sammeln ist kein perfekter, linearer Prozess. Es ist vielmehr ein gemeinsamer Lernweg, auf dem Produzenten, Vermittler und Sammler Schritt für Schritt Erfahrungen sammeln und Fortschritte machen.
Es gibt zudem inspirierende Beispiele: So zeigt das französische Ehepaar Didier Saulnier und Emmanuelle Amiot-Saulnier in einem Interview, wie man Kunst bewusst und verantwortungsvoll sammeln kann.
Zusammenfassung
Nachhaltige Entscheidungen beim Kunstsammeln sind aus mehreren Gründen von großer Bedeutung. Sie sind nicht nur ethisch sinnvoll, sondern regen auch dazu an, das eigene Sammelverhalten grundlegend zu hinterfragen: Warum sammle ich? Wie sammle ich? Viele Aspekte des Kaufs und Wiederverkaufs von Kunstwerken funktionieren bereits wie Elemente einer Kreislaufwirtschaft, mit der viele andere Branchen noch ringen. Der Wert, den Sammlerinnen und Sammler Künstlern und ihren Werken beimessen, ist selbst Ausdruck von Wertschätzung, Verantwortungsbewusstsein und dem Wunsch nach Langlebigkeit.
Auch wenn im Kunstmarkt insgesamt noch keine ausgeprägte umweltbewusste Konsumentenmentalität verankert ist, kann jeder Einzelne durch kleine, überlegte Entscheidungen die ökologische Balance der Kunstwelt positiv beeinflussen und damit auch zukünftigen Generationen von Sammlerinnen und Sammlern den Weg bereiten. So wird Nachhaltigkeit zu einem Bestandteil kultureller Verantwortung.
Weiterführende Ressourcen
Fowkes, Maja and Reuben, Art and Climate Change, Thames & Hudson, 2022.
https://galleryclimatecoalition.org/resources/
Hencz, Adam, Sustainability in the Art World: Fighting the Environmental Crisis, Artland Magazine, https://magazine.artland.com/sustainability-art-world/
Keenan, Annabel, Climate Action in the Art World, Lund Humphries, 2025.
Ware, Joe, “Fairs are one of the art world's biggest sources of emissions, so how can they become more green?”, The Art Newspaper, 11 October 2024.
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