Vom Transport bis zur Präsentation: Wie eine Versicherungspolice alle Schritte einer Ausstellung absichert
Die Organisation einer Ausstellung ist ein wenig wie das Dirigieren eines Orchesters:
Alle Elemente, Kunstwerke, Beleuchtung, Raumführung, Publikum, müssen harmonisch zusammenspielen. Doch hinter der sichtbaren Ästhetik einer Installation steckt ein hochpräziser und sensibler Beruf, geprägt von Berechnungen, Materialien, Temperaturen und … Versicherungspolicen.
Jeder, der ein Kunstwerk verleiht, transportiert oder ausstellt, weiß: Schönheit allein genügt nicht. Sicherheit ist ein unverzichtbarer Bestandteil des Betrachtungserlebnisses.
Hier kommt die Versicherung ins Spiel – nicht nur als „finanzieller Schutzschirm“, sondern als verlässlicher Leitfaden für die richtige Konservierung und Risikominimierung. Jedes Kunstwerk ist anderen Gefahren ausgesetzt, und eine gute Versicherung reagiert darauf individuell, abhängig von der Empfindlichkeit und den spezifischen Anforderungen des Objekts.
1. Zerbrechliche und kleine Werke: Wenn schon ein Atemzug genügt
Glas, Keramik, Miniaturen oder kleine Skulpturen bewegen sich ständig im Grenzbereich zwischen Staunen und Gefahr. Für solche Objekte verlangen die Allgemeinen Versicherungsbedingungen eine Unterbringung in stabilen, abschließbaren Vitrinen oder Schaukästen, idealerweise aus Verbundsicherheitsglas.
Versichert sind direkte Sachschäden, die bei normaler oder geplanter Handhabung entstehen, vorausgesetzt, sie wird von geschultem Fachpersonal durchgeführt, das auf den Umgang mit Kunstwerken spezialisiert ist.
Die häufigsten Schadensfälle? Nicht nur Stöße oder Stürze, sondern auch „übermotivierte Fürsorge“: Viele Brüche entstehen durch ungefragte Reinigungsversuche von Personen ohne Erfahrung im Umgang mit empfindlichen Materialien. Deshalb muss selbst die kleinste Bewegung an solchen Werken mit der Präzision eines chirurgischen Eingriffs erfolgen.
Wenn das Unerwartete Geschichte wird
Wer erinnert sich nicht an Marcel Duchamps „Großes Glas“? Während eines Transports im Jahr 1926 zerbrachen die dünnen Glasscheiben und dennoch entschied Duchamp, das Werk unverändert auszustellen. Die entstandenen Risse wurden zum integralen Bestandteil des Kunstwerks.
Doch solche Fälle bleiben Ausnahmen. In der Realität lässt sich ein Schaden nur selten in Kunst verwandeln. Ein bekanntes Beispiel ist Jeff Koons’ Porzellanfigur „Balloon Dog“, die 2022 auf der Art Basel Miami versehentlich zu Boden fiel und vollständig zerstört wurde. In solchen Situationen bleibt nur die Schadensregulierung, nicht die kreative Umdeutung.
Aus diesem Grund schreiben unsere Richtlinien klare Anforderungen vor:
Der Versicherungsschutz gilt nur dann, wenn der Transport von spezialisierten Kunstspeditionen durchgeführt wird, die eine professionelle Verpackung verwenden, exakt abgestimmt auf das jeweilige Objekt und die Transportart. Die Transportkisten müssen während der gesamten Reise Stabilität, mechanische Widerstandsfähigkeit und umfassenden Schutz gewährleisten.
2. Fotografie: Die fragile Kunst des Lichts
Fotografien wirken auf den ersten Blick stabiler, doch tatsächlich gehören sie zu den empfindlichsten Kunstformen. Ein einzelner Fingerabdruck, eine Spiegelung, ein Hauch von Feuchtigkeit kann ein Werk dauerhaft schädigen.
Die richtige Handhabung ist daher die wichtigste Schutzmaßnahme: stets mit Baumwollhandschuhen, in Räumen mit kontrollierter Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Fotografien sollten mit UV-filterndem Glas geschützt und so ausgeleuchtet werden, dass direkte natürliche oder künstliche Lichtquellen vermieden werden, denn Licht ist ihr größter Feind.
Kunstversicherungen decken versehentliche, direkte Sachschäden ab. Nicht versichert sind jedoch Schäden durch Fahrlässigkeit, Verschleiß, inhärente Materialfehler oder unzureichende Konservierung, einschließlich Feuchtigkeits-, Licht- oder Schädlingsschäden infolge mangelnder Kontrolle.
Kommt es allerdings zu technischen Defekten, etwa einem Ausfall der Klimaanlage, dann sind Schäden durch plötzlich auftretende Temperatur- und Feuchtigkeitsschwankungen versichert, da es sich um ein zufälliges Ereignis handelt.
Gleiches gilt für Schädlingsbefall durch Holzwürmer oder andere Insekten, sofern die Werke regelmäßig kontrolliert und beispielsweise vor einer Ausstellung vorbeugend behandelt wurden.
Während des Transports bergen gerahmte Fotografien ein besonderes Risiko: Glasbruch. Daher kann der Versicherungsschutz um eine Erweiterung ergänzt werden, die Schäden durch Brechen des Schutzglases abdeckt – unter der Voraussetzung, dass geeignete Sicherheitsfolien, Klebegitter oder ausreichend dicke Polsterungen verwendet werden, um Bruchstücke zu binden und das Glas stabil zu halten.
3. Wertsachen: Schönheit unter Verschluss
Diamanten, Schmuck, Silberarbeiten und andere kostbare Objekte sind seit jeher ein bevorzugtes Ziel für Diebstahl und Raub. Ihre hohe Wertdichte und die Möglichkeit, Edelmetalle und Steine leicht weiterzuverarbeiten, machen sie besonders begehrenswert und zugleich besonders gefährdet.
Aus diesem Grund stellen Versicherer für die Ausstellung solcher Wertgegenstände strenge Sicherheitsanforderungen. Dazu gehören:
- geschlossene, überwachte Ausstellungsräume mit verstärkter Einrichtung und gesicherten Zugangspunkten
- konforme Einbruch- und Brandmeldeanlagen
- ständige Aufsicht in jedem Ausstellungsraum während der Öffnungszeiten
- gepanzerte Vitrinen und Schaukästen
- zertifizierte Safes oder Tresore zur Aufbewahrung außerhalb der Präsentation
- während Schließzeiten entweder bewaffnete Bewachung oder eine Alarmanlage, die direkt mit einer Leitstelle verbunden ist
Nur wenn all diese Bedingungen erfüllt sind, kann ein angemessener Versicherungsschutz gewährleistet werden. So bleibt die Schönheit dieser Objekte nicht nur sichtbar, sondern auch sicher geschützt.
Im Falle eines Diebstahls besteht Versicherungsschutz nur dann, wenn das Eindringen durch Gewalt, den Einsatz von Einbruchswerkzeugen oder durch heimlichen Zugang erfolgt ist. Der Vorfall muss außerdem umgehend den Strafverfolgungsbehörden gemeldet werden.
Kunstversicherungen können auch Diebstahl durch Heimlichkeit abdecken, also die unbemerkte Entwendung eines Objekts während der Öffnungszeiten. Voraussetzung ist jedoch, dass jeder Ausstellungsraum lückenlos überwacht wird: entweder durch mindestens einen identifizierbaren Aufseher oder durch ein geschlossenes Kamerasystem, das eine Live-Überwachung durch geschultes Personal ermöglicht.
Ein inzwischen berühmt gewordener Fall ist der sogenannte „Raub des Jahrhunderts“ im Louvre im Jahr 2025: Eine als Wartungsteam getarnte Gruppe stahl innerhalb weniger Minuten acht französische Kronjuwelen. Der Fall wurde zum Präzedenzfall und zeigt deutlich: Ohne aktive Bewachung und funktionierende Alarmsysteme werden selbst die sichersten Gebäude verwundbar. (Die Lehre daraus: Eine Kamera ohne jemanden, der hinschaut, ist am Ende nur Dekoration.)
Viele der größten Diebstähle oder Brandschäden ereignen sich zudem während Bau- oder Renovierungsarbeiten. Der Brand von Notre-Dame, der Diebstahl von Cellinis Salzfass oder auch der oben erwähnte Fall im Louvre zeigen, dass Baustellen das Risiko deutlich erhöhen und daher verstärkte Sicherheits- und Überwachungsmaßnahmen notwendig machen.
4. Zeitgenössische Installationen: Kunst, die lebt und Risiken mit sich bringt
Zeitgenössische Kunstinstallationen stellen für Versicherer den anspruchsvollsten Fall dar. Sie vereinen sämtliche zuvor beschriebenen Risiken und fügen eine weitere, entscheidende Komponente hinzu: die Interaktion mit der Öffentlichkeit.
Viele dieser Werke laden Besucher dazu ein, den Raum zu betreten, Elemente zu berühren oder sogar selbst Teil des Kunstwerks zu werden. Da sie häufig aus alltäglichen oder leicht austauschbaren Materialien bestehen, sind sie besonders anfällig für Beschädigungen, Diebstahl oder das versehentliche Entfernen einzelner Bestandteile. Hinzu kommt, dass manche Betrachter den künstlerischen Wert solcher Objekte unterschätzen oder sie gar nicht als Kunst erkennen („Das könnte ich auch!“), ein Umstand, der das Risiko weiter erhöht.
Daher ist eine All-Risk-Versicherung in Kombination mit einer Haftpflichtversicherung unerlässlich, um sowohl Schäden am Werk selbst als auch an Personen oder fremdem Eigentum abzudecken.
Die Bandbreite möglicher Schäden ist groß: von unachtsamen Besuchern bis hin zu übermotiviertem Reinigungspersonal, das Kunstwerke mit Abfall verwechselt. So wurde 2001 ein Stapel Aschenbecher von Damien Hirst entsorgt, ebenso wie die leeren Bierdosen des französischen Künstlers Alexandre Lavet. Letztere waren in einem Aufzug installiert und wurden von einem Techniker, der zu Reparaturarbeiten gerufen worden war, pflichtbewusst entfernt und weggeworfen. Die Dosen konnten aus dem Müll geborgen und erneut ausgestellt werden, ein Beispiel dafür, dass bei manchen Werken der Ort selbst ein wesentlicher Bestandteil des Kunstwerks ist.
Der Kontext – öffentlicher Raum oder Museum – beeinflusst das Risikoprofil erheblich. Ein eindrückliches Beispiel ist Michelangelo Pistolettos Venus of the Rags: Während die Installation auf einem öffentlichen Platz in Neapel einem Brandanschlag zum Opfer fiel, blieb sie im geschützten Umfeld des Castello di Rivoli unversehrt.
5. Vandalismus: Wenn Kunst zum Angriffsziel wird
In den vergangenen Jahren hat sogenannter „ökologischer“ Vandalismus weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Werke wie Botticellis Primavera oder Van Goghs Der Sämann wurden zum Schauplatz demonstrativer Aktionen. Zwar decken Kunstversicherungen Schäden durch Vandalismus ab, doch bleibt Prävention unverzichtbar: Schutzverglasungen, Vitrinen oder klimatisierte Systeme wie Climabox-Einheiten, die Temperatur und Luftfeuchtigkeit stabil halten, bieten zusätzlichen Schutz vor äußeren Einflüssen.
Nicht jeder Vandalismus hat jedoch einen ideologischen Hintergrund. 2022 etwa zeichnete ein gelangweilter Museumswärter in Russland mit einem Kugelschreiber Augen auf ein Gemälde von Anna Leporskaya aus dem Jahr 1930, ein Werk im Wert von 1,4 Millionen Dollar. Eine Anekdote, die zum Schmunzeln verleitet, aber zugleich daran erinnert, wie entscheidend der menschliche Faktor selbst in streng gesicherten Einrichtungen bleibt.
Die Versicherung einer Ausstellung ist daher nicht nur eine Frage wirtschaftlicher Vernunft, sondern ein aktiver Beitrag zum Schutz kulturellen Erbes. Versicherungen unterstützen Aussteller dabei, angemessene Sicherheitsstandards einzuhalten, fördern ein bewusstes Risikomanagement und regen zu Maßnahmen an, die Schäden verhindern. So werden sie zu einem praktischen Leitfaden für verantwortungsvolle Betreuung. Ob Fotografie, Duchamps Glasscheibe oder eine interaktive Skulptur, jedes Werk verlangt kontinuierliche Aufmerksamkeit, geschultes Personal und eine enge Zusammenarbeit zwischen Museen, Veranstaltern, Leihgebern und Versicherern.
Denn wie zahlreiche Verluste der Vergangenheit zeigen: Kunst wird nicht nur von der Zeit bedroht, sondern vor allem von menschlicher Unachtsamkeit.
Über die Autorin
Francesca Sinagra | Underwriterin, ARTE Generali Italia
Francesca Sinagra hat einen Bachelorabschluss in Wirtschaft und Management des Kulturerbes von der Universität Ca’ Foscari in Venedig sowie einen Masterabschluss der Università Cattolica del Sacro Cuore in Mailand. Nach ersten beruflichen Stationen im Versicherungswesen und auf dem Kunstmarkt wechselte sie zu ARTE Generali. Dort unterstützt sie die Versicherungsabteilung bei der Zeichnung von Mehrfachrisikopolicen für private und institutionelle Kunden sowie für temporäre Ausstellungen.
Im Juni 2023 erhielt sie zudem die CEPAS-Zertifizierung als Risikomanagerin für Kulturgüter.
Deutschland
Österreich
Global