In diesem Interview haben wir mit Nadine Cheryl Adolfs, Dipl.-Restauratorin und Senior Expert Conservation and Standards bei Hasenkamp über die Bedeutung professioneller Verpackungen und Transporte im Kunsthandel gesprochen. Sie erläutert, welche Risiken beim Handling von Kunstwerken entstehen können, wie sich diese durch fachgerechte Verpackung minimieren lassen und welche Rolle Nachhaltigkeit in der Kunstlogistik spielt. Das Gespräch bietet einen fundierten Einblick in aktuelle Herausforderungen und zukünftige Entwicklungen in diesem spezialisierten Bereich.
Warum sind professionell abgestimmte Verpackungen und Transporte im Kunsthandel unverzichtbar und welche Rolle spielen dabei Zeitfaktoren und wirtschaftliche Aspekte?
Jedes Handling und jeder Transport stellen grundsätzlich ein Risiko für ein Kunstwerk dar. Unterschiedliche physikalische und klimatische Einflüsse können auf das Objekt einwirken und Schäden verursachen. Um dieses Risiko zu minimieren, sind professionell abgestimmte Verpackungen und Transporte im Kunsthandel unverzichtbar.
Die Verpackung bildet die erste Schutzschicht mit direktem Kontakt zum Objekt. Sie muss daher auf das konkrete Werk, die Transportparameter und die daraus resultierenden Risikofaktoren abgestimmt sein. Auch im Alltag würden wir ein rohes Ei nicht ohne passenden Karton bewegen — und selbst der beste Eierkarton kann nicht verhindern, dass Schäden entstehen, wenn er während des Transports auf den Kopf gestellt wird.
Ähnlich verhält es sich bei Kunstwerken: Eine Verpackung kann viel, aber nicht alles kompensieren. Gerade klimatische Schwankungen stellen aus konservatorischer Sicht eine hohe Gefahr dar. Deshalb sind eine entsprechend ausgestattete Fahrzeugtechnik und qualifiziertes Handling essenziell.
Die kritischen Faktoren Zeit und Kosten verführen aus meiner Erfahrung jedoch oft dazu, das tatsächliche Gefahrenpotenzial zu unterschätzen — etwa durch improvisierte Verpackungen oder den Einsatz nicht spezialisierter Logistikpartner. Diese kurzfristigen Entscheidungen führen in der Praxis immer wieder zu Schäden, die durch professionelle Vorbereitung vermeidbar gewesen wären.
Auch wirtschaftlich lohnt sich Prävention: Ein Schaden verursacht nicht nur hohe Restaurierungskosten, sondern führt häufig zu Wertminderungen, Versicherungsfällen oder sogar zum Verlust. Im Vergleich dazu sind investive, qualifizierte Verpackungs- und Transportleistungen geringe präventive Kosten, die die Gesamtrisiken massiv reduzieren.
Kunstgegenstände werden im Kunsthandel häufig bewegt: vom Künstler zur Galerie, von der Galerie zur Kunstmesse oder vom Händler zum Kunden. Welche typischen Risiken lassen sich durch fachgerechte Verpackung und sachgemäße Transportprozesse reduzieren?
Die Vielzahl an Objektgruppen mit ihren unterschiedlichen Techniken und Werkstoffen würde eigentlich eine differenzierte Betrachtung erfordern – das sprengt hier den Rahmen. Deshalb ein kurzer allgemeiner Einblick in die typischen Risiken, die sich durch fachgerechte Verpackung und professionelle Transportprozesse reduzieren lassen.
Am unmittelbarsten nachvollziehbar ist der Schutz vor mechanischen Schäden wie Bruch, Abrieb oder Deformationen. Weniger intuitiv, aber oft deutlich folgenreicher sind klimatische Einflüsse: Schwankungen von Temperatur und relativer Feuchte können Materialverbünde destabilisieren und langfristige Schäden verursachen. Auch biologische Risiken wie Schädlingsbefall oder Schimmel spielen eine Rolle. Zudem reduziert eine objektspezifisch ausgewählte Verpackung das Risiko von Schadstoffkontakt, der zu Oberflächenveränderungen führen kann.
Ein anschauliches Beispiel: Selbst bei einer gealterten und vermeintlich stabilen Malschicht können Klimaschwankungen die Oberflächenstruktur so verändern, dass sich die charakteristische Bläschenstruktur von Luftpolsterfolie darin abzeichnet. Das zeigt zwei Dinge sehr deutlich: Erstens ist Luftpolsterfolie für den direkten Kontakt mit einer Gemäldeoberfläche ungeeignet. Zweitens haben selbst kleine klimatische Veränderungen enorme Auswirkungen.
Bei welchen zeitgenössischen Materialien oder ungewöhnlichen Werkstoffen treten Ihrer Erfahrung nach besonders häufig Verpackungsfehler auf und woran liegt das?
Spontan kommen mir zwei Materialgruppen in den Sinn: Glas sowie moderne Materialkombinationen, insbesondere solche mit Kunststoffen.
Objekte aus Glas werden häufig unterschätzt. Typische Fehler entstehen durch die falsche Bewertung des Eigengewichts, falsch eingeschätzte Druckpunkte oder eine unzureichende Ausbalancierung. Schon geringe punktuelle Belastungen können zu Spannungsrissen oder Bruch führen.
Bei modernen Materialkombinationen und Kunststoffen liegt das Risiko oft im Kontakt mit ungeeigneten Folien oder Schäumen, die Weichmacher abgeben oder elektrostatische Effekte erzeugen können. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Unterscheidung zwischen Transport- und Lagerungsverpackung. Was ein Werk kurzfristig toleriert, kann langfristig Schäden verursachen. Probleme entstehen häufig, wenn Transportmaterialien fälschlicherweise für die Lagerung genutzt werden oder die klimatische Stabilität der Verpackung nicht geprüft wurde.
Diese Beispiele zeigen: Eine differenzierte, materialgerechte Verpackungsstrategie schützt – sowohl für den Transport als auch für die Lagerung.
Ergänzend lässt sich bei zeitgenössischer Kunst das Gefährdungspotenzial durch unzureichende Kenntnisse zu Trocknungszeiten nennen. Eine oberflächlich und vermeintlich trockene Malschicht kann nach dem Auspacken die Struktur des verwendeten Verpackungsmaterials abbilden. Ein Schaden, der sich durch kontaktarme Verpackung, wie z. B. mit einem Transportrahmen, vermeiden ließe.
Welche Bedeutung haben Dokumentation, Fotoprotokolle und Zustandsberichte bei der Übergabe und Kontrolle verpackter Kunstwerke?
Dokumentation, Fotoprotokolle und Zustandsberichte sind entscheidend, um den Zustand eines Kunstwerks bei Übergabe und Transport nachvollziehbar festzuhalten. Sie schaffen Transparenz für alle Beteiligten und reduzieren Streitfälle, sowie Unsicherheiten in der Haftung.
Im Museumsbereich sind detaillierte Zustandsberichte seit Langem etabliert und bilden die Grundlage für Leihverkehr, konservatorische Entscheidungen und klare Verantwortlichkeiten. Interessant ist, dass sich Museums- und Commercial-Bereich zunehmend annähern. Auch im Kunsthandel wächst das Bewusstsein für die Bedeutung einer verlässlichen und nachvollziehbaren Dokumentation.
Gleichzeitig beobachte ich, dass sich im Kunsthandel als praxisnahe Zwischenlösung der Condition Check in Form eines Kurzberichtes mit Fotoprotokoll etabliert hat. Diese Variante ist kostengünstiger, aber dennoch aussagekräftig genug, um offensichtliche Veränderungen oder Schäden festzuhalten und die Übergabe zu dokumentieren.
Aus restauratorischer Sicht ist diese Kurzvariante immer noch deutlich besser als keinerlei Dokumentation. Im Schadensfall lässt diese jedoch viele Fragen zum Vorzustand offen. Deshalb empfehle ich, je nach Wert, Material und Risikoprofil des Werkes sorgfältig abzuwägen, welche Dokumentationstiefe angemessen ist.
Wie unterscheiden sich die Anforderungen an die Verpackung von Gemälden, Skulpturen, Installationen oder Mixed-Media-Werken?
Die Anforderungen an die Verpackung von Gemälden, Skulpturen, Installationen oder Mixed-Media-Werken unterscheiden sich stark – eine pauschale Aussage ist daher nicht möglich. Entscheidend ist, die Verpackung immer objektspezifisch zu wählen.
Hilfreich ist eine einfache Leitlinie in drei Schritten:
1. Objekt verstehen: Zustand, Werkstoffe und empfindliche Bereiche wie Vorschäden müssen bekannt sein.
2. Transportparameter klären: Transportmittel, Dauer, klimatische Bedingungen, Umschlagpunkte und logistische Abläufe bestimmen, welche Belastungen zu erwarten sind.
3. Verpackung ableiten: Erst auf Basis dieser Informationen wird die passende Verpackung gewählt – von oberflächenschützend bis hochstabilisierend oder klimatisierend. Ziel ist immer, Kräfte abzuleiten, Materialien zu schützen und das Objekt sicher durch den gesamten Transportprozess zu führen.
Kurz gesagt: Nicht die Kategorie des Kunstwerks entscheidet über die Verpackung, sondern das Zusammenspiel aus Materialität, Zustand und Transportbedingungen.
Nachhaltigkeit spielt eine immer wichtigere Rolle: Wie lassen sich umweltfreundliche Verpackungslösungen mit hohen konservatorischen Anforderungen vereinbaren?
Richtig, Nachhaltigkeit ist auch in der Kunstlogistik eine wichtige Forderung. Gleichzeitig dürfen konservatorische Anforderungen nicht kompromittiert werden. Um beides zu vereinen, braucht es ein echtes Umdenken: eingefahrene Routinen hinterfragen, Materialeinsatz kritisch prüfen und Innovationen zulassen.
In der Praxis heißt das, Verpackungen so zu entwickeln, dass sie ressourcenschonend, wiederverwendbar oder recyclingfähig sind. Dennoch sind die zentralen konservatorischen Funktionen zu erfüllen, wie Schutz vor mechanischen Belastungen, Klimaschwankungen und Vibrationen.
Ein gutes Beispiel für diesen Ansatz ist die von Hasenkamp entwickelte nachhaltige Verpackungslösung arca. Dabei handelt es sich um eine variable Bilderkiste, die konsequent unter Nachhaltigkeitsaspekten gestaltet wurde und gleichzeitig konservatorische Anforderungen berücksichtigt. Die Kiste ist variabel bei den Objektmaßen und kurzfristig einsetzbar. Sie reduziert klimatische Belastungen und schützt vor Erschütterungen – bei deutlich geringerem Gewicht und einer verbesserten ökologischen Bilanz.
Solche Entwicklungen zeigen: Nachhaltigkeit und konservatorischer Schutz schließen sich nicht aus. Sie erfordern lediglich eine bewusstere Planung, mutige Alternativen und Verpackungskonzepte, die sowohl die Bedürfnisse des Kunstwerks als auch die der Umwelt im Blick behalten.
Welche nachhaltigen oder innovativen Materialien werden heute bereits erfolgreich eingesetzt, und wo sehen Sie künftig das größte Potenzial für neue Entwicklungen?
Bereits heute werden zahlreiche nachhaltige Ansätze erfolgreich umgesetzt. Dazu gehören vor allem Mehrweg- und Mietkisten, die mehrfach genutzt werden können und dadurch den Materialverbrauch erheblich reduzieren. Ein wichtiger nächster Schritt wäre hier die konsequente Nutzung von „refurbished“ Kisten. Verpackungssysteme, die nach sorgfältiger Prüfung und Aufarbeitung erneut in den Umlauf gebracht werden. Das verlängert die Lebensdauer hochwertiger Verpackungsmaterialien und senkt den ökologischen Fußabdruck deutlich.
Ein großes Potential sehe ich auch beim Füll- und Polstermaterial. Der Fokus sollte hier zunehmend auf Materialalternativen mit geringem Kunststoffanteil liegen. Polsterkisten aus Papier, gefüllt mit recycelten Kartonfasern, stellen zum Beispiel eine Alternative zum Schaumstoff dar. Mechanische Belastungen können diese ebenfalls gut abfangen und Lufträume in der Verpackung auffüllen. Dabei sind diese vollständig recyclingfähig. Bei Hasenkamp arbeiten wir mit der Firma Karopack zusammen und nutzen deren nachhaltiges Kreislaufkonzept für das Füllmaterial.
Wie wird sich Ihrer Einschätzung nach das Thema Verpackung in der Fine-Art-Logistik in den nächsten fünf bis zehn Jahren weiterentwickeln?
Die Frage, wie sich Verpackung in der Fine Art Logistik in den nächsten fünf bis zehn Jahren entwickeln wird, lässt sich gut über eine Gegenfrage beantworten: Was wird in Zukunft eine gute Verpackung auszeichnen?
Mit Blick auf die kritischen Faktoren Zeit und Kosten, sowie auf die steigende Bedeutung von Nachhaltigkeit wird sich der Fokus deutlich verschieben. Eine gute Verpackung sollte künftig vor allem wiederverwendbar, schnell verfügbar und variabel einsetzbar sein. Die Wiederverwendbarkeit ist dabei aus meiner Sicht der zentrale Schlüssel: Sie senkt den CO₂-Fußabdruck von Verpackungssystemen signifikant und verlängert die Lebensdauer hochwertiger Materialien.
Gleichzeitig müssen neue Lösungen trotz veränderter Materialauswahl weiterhin die konservatorischen Anforderungen erfüllen: Schutz vor Vibrationen, Klimaschwankungen und mechanischen Belastungen. Das bedeutet: weniger Einwegprodukte, mehr modulare Systeme, mehr intelligente Mehrweglösungen und ein konsequenter Blick auf Kreislaufwirtschaft.
Kurz gesagt, ich hoffe stark, dass die Zukunft der Verpackung in der Kunstlogistik nachhaltiger, flexibler und ressourceneffizienter wird – ohne Abstriche beim Schutz des Kunstwerkes.

Nadine Cheryl Adolfs ist diplomierte Restauratorin und arbeitet als Senior Expert Conservation and Standards bei Hasenkamp. Sie ist Expertin für Kunstlogistik, präventive Konservierung sowie Mitglied im deutschen DIN-Ausschuss für Normen im Bereich Erhaltung des kulturellen Erbes. Seit 2008 bringt sie ihre Leidenschaft für den Schutz von historischem und zeitgenössischem Kulturgut sowie ihr Engagement und ihre Fachkompetenz in die Kunstlogistik ein.
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