Seit mehr als drei Jahrzehnten zählt Esther Schipper zu den prägenden Persönlichkeiten der internationalen Gegenwartskunst. Seit der Gründung ihrer Galerie in Köln im Jahr 1989 und dem Umzug nach Berlin im Jahr 1997 hat sie eines der renommiertesten und einflussreichsten Galerieprogramme Europas aufgebaut. Die Galerie vertritt heute sowohl wegweisende Positionen der Konzeptkunst als auch eine neue Generation aufstrebender Künstlerinnen und Künstler. Mit Standorten in Berlin, Paris, Seoul und New York steht Esther Schipper exemplarisch für eine global vernetzte Galerie, die künstlerische Exzellenz mit internationaler Reichweite, digitaler Präsenz und starken institutionellen Partnerschaften verbindet.
In diesem Interview spricht Esther Schipper über die Entstehung künstlerischen Werts jenseits von Marktpreisen, die Veränderungen im Verhalten von Sammlerinnen und Sammlern sowie die Voraussetzungen für den nachhaltigen Aufbau erfolgreicher Künstlerkarrieren. Darüber hinaus gibt sie Einblicke in die Herausforderungen des Kunsttransports und den Schutzes der Werke in einer zunehmend globalisierten Kunstwelt. Dabei zeigt sie auf, wie Galerien heute die Balance zwischen Zugänglichkeit, Sichtbarkeit und verantwortungsvoller Fürsorge für Kunstwerke finden können, ohne ihre künstlerische Vision und langfristige Relevanz aus dem Blick zu verlieren.
Sie bewegen sich an der Schnittstelle von künstlerischer Vision und Marktdynamik: Wie bewerten Sie den Wert der von Ihnen ausgestellten Werke und was bestimmt letztlich Ihre Auswahl an Künstlerinnen und Künstlern?
Meiner Meinung nach bemisst sich der Wert von Kunst nicht am Preisschild sondern eher an ihrer Relevanz und Langlebigkeit. Für mich steht der Inhalt immer an erster Stelle: gute Kunst überdauert Marktzyklen und stößt manchmal sogar gesellschaftliche Diskurse an. Deshalb setzen wir seit 1989 auf das Umsetzen kompromissloser Visionen unserer KünstlerInnen.
Wenn Sie das Profil einer Künstlerin oder eines Künstlers entwickeln welche Faktoren sind aus Ihrer Sicht besonders entscheidend für deren Marktpräsenz und langfristige Entwicklung?
Wie ein nachhaltiges Künstlerprofil entsteht, ist ein vielschichtiger Prozess. Sicherlich spielen die Radikalität einer künstlerischen Idee und ihre Relevanz im institutionellen Diskurs eine entscheidende Rolle. Die Entwicklung erfolgt jedoch nicht allein innerhalb unserer Galerie, sondern in enger Partnerschaft mit den Künstlerinnen und Künstlern selbst sowie mit anderen Galerien. Ebenso wichtig ist die sorgfältige Auswahl der Institutionen, Museen und Ausstellungsformate, die wir für die weitere Positionierung der Künstler in Betracht ziehen.
Haben Sie in den letzten Jahren bedeutende Veränderungen im Verhalten von Sammlerinnen und Sammlern beobachtet? Was zeichnet heute eine selbstbewusste Kaufentscheidung aus?
Der Informationsfluss zwischen Künstlern und Sammlern ist direkter geworden, insbesondere durch die Online-Präsenz auf Instagram und in den sozialen Medien. Das ist auch eine Errungenschaft langjähriger Galeriearbeit, deren Ziel es war, Schwellen und Berührungsängste zwischen Künstlern und Sammlern abzubauen und einen direkten Austausch zwischen beiden Seiten zu ermöglichen. Der Sammler ist heute nicht mehr nur Käufer, sondern auch Gesprächspartner und häufig im unmittelbaren Dialog mit den Künstlern. Dadurch sind jüngere oder neu hinzugekommene Sammler deutlich besser informiert als noch vor zehn Jahren. Sie kommen nicht mehr primär wegen der Informationen in die Galerie, sondern suchen vielmehr nach Einordnung, Kontext und vertiefendem Austausch.
Was unterscheidet Ihrer Erfahrung nach ein starkes und nachhaltiges Galerieprogramm im heutigen hochkompetitiven Kunstmarkt?
Ein substanzielles Galerieprogramm zeichnet sich sowohl durch die langfristige Begleitung von Künstlerinnen und Künstlern über Jahrzehnte hinweg als auch durch ein kontinuierlich wachsendes Programm neuer künstlerischer Positionen aus – nicht durch das Bedienen kurzfristiger Markttrends. Meine Erfahrung zeigt: Es sind die kompromisslosen, mutigen Positionen, die letztlich die entscheidende institutionelle Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Uns geht es nicht um den schnellen Hype, sondern um die kontinuierliche Weiterentwicklung der künstlerischen Praxis. Um dieses Wachstum auf globaler Ebene zu unterstützen, präsentieren wir unsere Künstlerinnen und Künstler auf den wichtigsten internationalen Messen, setzen aber gleichermaßen auf unsere Standorte in Paris, Seoul und New York, um die lokalen Netzwerke vor Ort nachhaltig zu stärken.
In Ihrer täglichen Arbeit sind Kunstwerke viel in Bewegung – sie werden transportiert gehängt und neu installiert. Wo sehen Sie dabei die größten Risiken und worauf kommt es aus Ihrer Sicht besonders an um einen optimalen Schutz der Werke zu gewährleisten?
Der Transport von Kunstwerken ist ein großer Teil unseres Galeriealltags, zugleich ist er aber auch der Moment, in dem ein Kunstwerk am vulnerabelsten ist. Kunst muss transportiert werden, um an anderen Orten ein Publikum zu finden. Dafür ist es wichtig, dass sie global zirkulieren kann. Wenn wir Arbeiten zwischen unseren Standorten in Berlin, Paris und Seoul bewegen oder sie zu den großen internationalen Messen versenden, lauern die größten Risiken an den physischen Schnittstellen: beim Verladen, Auspacken und bei der Installation im Ausstellungsraum. Die häufigsten Gefahren entstehen durch kleine Unachtsamkeiten, die oftmals aus Zeitdruck resultieren, oder durch unvorhersehbare logistische Hindernisse. Bei fragilen Materialien kommen zudem klimatische Schwankungen während des Transports hinzu, die nicht immer vollständig kontrollierbar sind.
Wie gelingt es Ihnen die Balance zwischen der Zugänglichkeit von Kunst für das Publikum und dem angemessenen Schutz der Werke vor potenziellen Risiken herzustellen?
Für viele der Künstlerinnen und Künstler, die wir vertreten, ist die Zugänglichkeit des Werks eine wesentliche Bedingung. Viele Arbeiten entfalten ihre Bedeutung erst durch die physische Präsenz, die Bewegung oder die Partizipation der Besucherinnen und Besucher im Raum. Die Balance gelingt uns daher vor allem dadurch, dass wir das Publikum nicht als potenzielles Risiko oder als Störfaktor begreifen, sondern als integralen Bestandteil der Ausstellung. Der Schutz der Werke wird bei uns sehr subtil umgesetzt. Eine durchdachte Architektur lenkt die Besucherströme intuitiv, ohne dass Verbotsschilder notwendig sind. Gleichzeitig arbeiten wir eng mit den Künstlerinnen und Künstlern zusammen, um technische Schutzmaßnahmen möglichst unsichtbar zu machen und konservatorische Parameter wie Licht, Temperatur oder Luftfeuchtigkeit im Hintergrund präzise zu steuern, sodass das visuelle und körperliche Erlebnis für die Besucherinnen und Besucher ungestört bleibt.
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