15. April 2020 - Der Kunstmarkt verlegt sich in virtuelle Welten – Führt die Corona-Krise zu einem Paradigmenwechsel der Verbildlichung von Kunst?

Von Dr. Sonja Lechner, Kunsthistorikerin und Geschäftsführerin von Kunstkonnex Artconsulting (www.kunstkonnex.com).

Kaum ein Bild verdeutlicht signifikanter, welchen Paradigmenwechsel der Kunstmarkt binnen weniger Wochen durchlaufen hat: Noch vor gut einem Monat war das Ifema-Messezentrum in Madrid von Protagonisten wie Rezipienten des internationalen Kunstgeschehens gefüllt – anlässlich der Kunstmesse „Arco“ kamen dort vom 29. Februar bis 1. März rund 95.000 Besucher zusammen. Heute beherbergen die Räumlichkeiten statt zeitgenössischer Kunst Krankenbetten des dort eilig aufgebauten Notfallspitals. Die Tefaf in Maastricht, die in der ersten Märzwoche noch 280 Ausstellern aus 22 Ländern sowie zigtausenden Besuchern ihre Pforten öffnete, bevor sie selbige wegen des Auftretens von Corona-Infizierungen frühzeitig wieder schloss, wird wohl auf lange Zeit die letzte Messe sein, die im Wortsinne begehbar war, die es dem Besucher ermöglichte, Kunst unmittelbar in Augenschein zu nehmen: Diese Woche gab nach der Absage der Frieze in New York und der Verschiebung der Art Cologne auf einen Doppeltermin mit der Cologne Fine Art and Design im November nun auch die Art Basel bekannt, dass die Messe statt im Juni nunmehr im September stattfinden wird. Die Art Basel Hongkong hatte bereits rechtzeitig reagiert und den Messebetrieb komplett in virtuelle Welten verlagert: Statt Kunst im Convention Center  von Hongkong zu zeigen, wurden die Sammler in Viewing Rooms eingeladen. Dem realen Ablauf folgend, erhielten zunächst Inhaber einer VIP-Karte Zugang zu selbigen, bevor sich der kunstsammelnde Rest anschließen konnte. Die Werke wurden meist auf das Foto der Wand einer fiktiven Koje projiziert, deren vorgelagerte Bank suggerierte, man könne sich zum Kunstgenuss niederlassen.

Dieses Format war quasi der Startschuss für eine Neuausrichtung des gesamten Kunstmarktes: Der Shutdown in beinahe allen Ländern macht momentan weder Ausstellungseröffnungen noch Galeriebesuche oder Museumsrundgänge möglich und trifft die internationale Kulturbranche hart. Zusätzlich zu den Soforthilfemaßnahmen für Künstler, Freiberufler und Unternehmer werden weitere Forderungen nach Hilfsmaßnahmen wie etwa der Wiedereinführung des ermäßigten Mehrwertsteuersatzes auf Kunst in Deutschland laut. Weitere finanzielle Schutzschirme werden nötig sein, um zahlreiche Insolvenzen auf dem Kunstmarkt zu verhindern, Schutzschirme wie etwa die Bewilligung von Ankaufsetats für Museen, die speziell dem Kauf in Galerien gewidmet sind, oder aber Förderprogramme für Kunstmessen, Art Weeks, Gallery Weekends und ähnliche Formate.

„Oft weckt Not Talent“, hat bereits Ovid festgestellt und in der Tat: Der Kunstmarkt geht neue Wege, die allesamt ins Internet führen. Eine nie dagewesene virtuelle Verbildlichungsdichte hat die Akteure des Genres erfasst. Nicht nur Galerien und Künstler digitalisieren ihre Offerte, auch Museen weiten aus, was Google Arts & Culture bereits vor der Pandemie publizierte: Rundgänge per Computer durch die bedeutendsten Sammlungen weltweit. Die Bandbreite der Offerten reicht vom Abfilmen geschlossener Ausstellungen über die Vertonung von Eröffnungsreden bis hin zu Künstlerinterviews, Archivhighlights oder Ateliereinblicken. Diese Art der Präsentation hat durchaus Vorteile: Nicht nur sind vielen Aufnahmen Informationen zu Künstler, Werk oder Preis beigesellt, welche die Hemmschwelle derer, die nie zu fragen wagen, senkt, auch ermöglicht das Filmen nahe an der Oberfläche einen Zugang, den sonst so manche Alarmanlage oder mancher Galerist verhindert – das Hineintauchen in Details. Tropfendes und Tränkendes scheint dem Betrachter entgegen zu wallen, das Auge kann sich malerische Farbformationen oder skulpturale Mikrokosmen aus nächster Nähe erschließen.

„Die Idee des Fortschritts ist in der Katastrophe zu fundieren“ - Das Zitieren dieses Satzes von Walter Benjamin inmitten der globalen Krise darf nicht als Zynismus missverstanden werden angesichts der Zigtausenden von Toten durch die Pandemie. Er muss aufgefasst werden als Aufruf, als Aufforderung, sich neu zu positionieren, Neuland zu betreten, einen Fortschritt zu initiieren, der ein Fortschreiten von bekannten Wegen impliziert. Waren bislang Versuche, eigenständig im Internet funktionierende Marktplätze effizient aufzubauen, wie etwa die „VIP Art Fair“, nicht von Erfolg gekrönt, wird die Zukunft des Kunstmarktes post Corona ohne das virtuelle Instrumentarium nicht mehr auskommen. Es bleibt zu hoffen, dass all die Varianten, Kunst online erfahrbar zu machen, ein Überbrücken dieses Ausnahmezustandes ermöglichen, und dass all dies in einem wie auch immer gearteten Danach als Zusatzofferte erhalten bleiben wird, als Ergänzung dessen, was gleichwohl unabdingbar bleiben wird: Kunst leibhaftig in Augenschein nehmen zu können, sie in realer Verortung mit eigenen Augen ertasten, erfahren, erfühlen zu dürfen. Aus Sicht einer Kunsthistorikerin wäre zu wünschen, dass der weltweite Stillstand nicht zuletzt die Sehnsucht aller Kunstliebhaber anwachsen lassen wird, Originale wieder betrachten zu können, und dass diese Sehnsucht eine Wertschätzung implizieren wird, die einen Paradigmenwechsel initiiert, der Kunst nicht mehr vorrangig als Investitionsgut und Spekulationsobjekt, sondern als das wahrnimmt, was sie eigentlich ist – eine beständige Erweiterung unserer Perzeption. „Kunst gibt nicht die Sichtbarkeit wieder, sondern macht sichtbar“, hat Paul Klee einst apostrophiert – momentan stellt sie tradierte Sehgewohnheiten in Frage und führt uns neue Sichtweisen vor Augen.

  1. © Felix Rehfeld, Berg 2 (Detail), 2018, Öl auf Leinwand, 30 x 40 cm

    © Felix Rehfeld, Berg 2 (Detail), 2018, Öl auf Leinwand, 30 x 40 cm

  2. © Dr. Sonja Lechner

    © Dr. Sonja Lechner