25.02.2026 Risikomanagement

Kunst- und Kulturerbe in Gefahr: Wie man Bewusstsein schafft und Risiken in einem zunehmend gefährdeten Umfeld steuert

von Jean Gazançon and Letizia Miranda

Ein Start-up innerhalb eines globalen Konzerns

 

ARTE Generali wurde als Start-up innerhalb eines großen internationalen Unternehmens gegründet, mit dem Ziel, die Kunstversicherung im privaten und institutionellen Kundensegment aufzuwerten und weiterzuentwickeln.

Im Bewusstsein der strategischen Bedeutung kultureller Vermögenswerte für die Vermögenserhaltung und die Nachlassplanung haben wir ein innovatives Modell entwickelt, das über die traditionelle Entschädigung hinausgeht.

Unser Ansatz bietet einen umfassenden, kundenzentrierten Service, der fachkundige Beratung mit einer kollaborativen, digital unterstützten Arbeitsweise verbindet. Er ist darauf ausgerichtet, langfristigen Vermögensschutz, Risikominderung und generationenübergreifende Kontinuität zu fördern.

 

 

Kunst und Kulturerbe: Unterversicherung im globalen Kunstmarkt

 

Kulturelle Werte und Kunstwerke sind dazu gedacht, mit der breiten Öffentlichkeit geteilt zu werden. In diesem Sinne sind wir alle nur vorübergehende Hüter von Objekten, die das kollektive Erbe der Menschheit verkörpern.

Während die weltweiten Umsätze auf dem Kunstmarkt auf rund 57,5 Milliarden US-Dollar4 geschätzt werden, bilden diese Zahlen lediglich die sichtbaren Transaktionen ab. Der tatsächliche Bestand an weltweit zu erhaltenen Kunst- und Kulturgütern ist wesentlich größer. Trotzdem bleiben viele Kunstwerke unversichert, bedingt durch unzureichende Wertermittlung, geringes Risikobewusstsein und einen Mangel an maßgeschneiderten Versicherungslösungen.

 

Aktuelle Analysen, wie im Art Market Report 2025 dargestellt, zeigen einen deutlichen Anstieg von Schäden durch potenziell versicherbare Ereignisse wie Diebstahl, Naturkatastrophen und Umwelteinflüsse. Dies ist ein klarer Hinweis auf die wachsende Anfälligkeit ungeschützter Sammlungen.

 

Laut dem Bericht Natural Disasters Figures 2024 der Munich Re beliefen sich die weltweiten Schäden durch Naturkatastrophen im Jahr 2024 auf 320 Milliarden USDollar, wovon 140 Milliarden USDollar versichert waren: das drittteuerste Jahr für versicherte Schäden überhaupt.

 

Wetterbedingte Ereignisse verursachten 97 % der versicherten Schäden, maßgeblich getrieben durch Hurrikans, Überschwemmungen und schwere Gewitter. Zudem hebt die Studie hervor, dass sogenannte „NonPeakPerils“, wie etwa Waldbrände und Überschwemmungen zunehmend zu den steigenden Schadenssummen beitragen. Dies unterstreicht erneut die wachsenden Auswirkungen des Klimawandels.

 

Gründe für die Unterversicherung im globalen Kunstmarkt:

Kulturelle Vorbehalte gegenüber Versicherungen

- Geringes Bewusstsein für kunstspezifische Risiken

- Begrenzte Verfügbarkeit von Fachwissen im Bereich Kunstversicherung

- Mangelnde Transparenz bei Bewertungen

- Versicherungsangebote, die nicht auf die Bedürfnisse der Kunden abgestimmt sind

 

Diese Herausforderungen zu adressieren ist entscheidend, nicht nur zum Schutz des kulturellen Erbes, sondern auch zur Sicherung langfristigen Vermögens und des Nachlasses für die nächste Generation.

 

 

Hauptursachen für Schäden an kulturellem Erbe und Kunstsammlungen

 

Kunstwerke sind einer Vielzahl schädlicher Einflüsse ausgesetzt, die ihren ästhetischen, historischen und finanziellen Wert beeinträchtigen können. Diese Risiken lassen sich in folgende Kategorien einteilen:

- Umweltfaktoren: Schwankende Luftfeuchtigkeit, extreme Temperaturen und ultraviolette (UV) Strahlung beschleunigen den Materialabbau.

- Physische Schäden: Unsachgemäße Handhabung, Stöße oder Kratzer während Transport oder Installation zählen zu häufigen Schadensursachen.

- Biologische Einflüsse: Pilze, Insekten und Bakterien können organische Materialien wie Papier, Textilien oder Leinwand angreifen.

- Naturkatastrophen: Überschwemmungen, Brände und Erdbeben stellen ohne geeignete Präventionsmaßnahmen ein erhebliches Risiko dar.

- Vandalismus und Diebstahl: Öffentlich gezeigte Werke sind ohne ausreichende Sicherheitsmaßnahmen besonders gefährdet.

- Instabile Materialien: Moderne Materialien wie Kunststoffe und Acryl neigen häufig zu schneller Alterung und erfordern eine spezialisierte Pflege.

 

 

Risikomanagement im Bereich Kulturerbe

 

In der Kunstversicherung umfasst das Risikomanagement die Aufklärung der Kundinnen und Kunden über potenzielle Gefahren sowie die Ermöglichung der finanziellen Risikoübertragung auf Versicherer, unterstützt durch spezialisierte Vermittler.

 

Dieser Prozess beinhaltet vier zentrale Schritte:

1. Identifikation und Bewertung der Vermögenswerte:
Bewertung jedes Objekts hinsichtlich Wert, Besonderheiten und Risiken wie Diebstahl, Umweltschäden oder Materialabbau.

 

2. Risikobeurteilung:
Analyse der Eintrittswahrscheinlichkeit und des Schadenspotenzials unter Berücksichtigung von Materialanfälligkeit, Lagerung, Präsentations- oder Transportbedingungen.

 

3. Präventions- und Notfallplanung:
Auf Grundlage der Risikobewertung werden maßgeschneiderte Präventionsmaßnahmen und Notfallpläne entwickelt, die unter anderem konservatorische Strategien, Umweltkontrollen und Verbesserungen der Sicherheitsmaßnahmen umfassen können.

 

4. Kontinuierliche Überwachung:
Laufende Überprüfung und Anpassung der Schutzmaßnahmen an Veränderungen in der Umgebung, Objektzustand oder Nutzungskontext.

 

 

Risikoanalyse: Spezialisierte Kompetenzen im Kunst- und Kulturgütermanagement

 

Kunstwerke und Sammlungen besitzen häufig erheblichen wirtschaftlichen und kulturellen Wert. Ihre Verwaltung erfordert ein interdisziplinäres Kompetenzprofil, um Risiken zu identifizieren, Folgen abzuschätzen und wirksame Schutzmaßnahmen umzusetzen.

 

 

WICHTIGE KOMPETENZEN UMFASSEN:

 

  • Bewertungskompetenz:
    Präzise Schätzungen erfordern fundiertes Wissen in Kunstgeschichte, Markttrends, Provenienzanalyse und Zustandsbewertung.

 

  • Expertise zur Materialanfälligkeit:
    Verstehen, wie verschiedene Materialien auf Umwelt-, biologische und mechanische Risiken reagieren, ist essenziell für die präventive Erhaltung.

 

  • Kenntnis struktureller und infrastruktureller Rahmenbedingungen:
    Die Umweltbedingungen von Lager oder Ausstellungsräumen können das Risikoniveau wesentlich beeinflussen. Zu verstehen, wie diese Umgebungen mit den darin befindlichen Kunstwerken interagieren, ist entscheidend.

 

  • Wahrscheinlichkeitsanalyse:
    Die Einschätzung der Eintrittswahrscheinlichkeit schädigender Ereignisse – wie Diebstahl oder Naturkatastrophen – basiert auf datengetriebenen Analysen und historischen Kontexten.

 

Die Integration dieser vielfältigen Fähigkeiten ist komplex und macht es schwierig, ein vollständig ausgestattetes professionelles Netzwerk aufzubauen. Diese Lücke zu schließen, erfordert kontinuierliche Investitionen in Ausbildung, interdisziplinäre Zusammenarbeit und die Entwicklung spezialisierter Werkzeuge. Die Sensibilisierung für Risiken ist der entscheidende erste Schritt.

 

 

Risikobewusstsein: Digitale Strategie für bewussten Schutz

 

Die Ansprache und Einbindung unterschiedlicher StakeholderNischen – Sammler, Institutionen und Fachleute – erfordert eine gezielte und durchdachte digitale Strategie. Durch die Verbindung von Technologie und menschlicher Expertise sowie durch eine bewusste digitale Kommunikation können die zentralen Herausforderungen des Kunst- und Kultursektors in Chancen verwandelt werden.

Eine gut gestaltete digitale Herangehensweise kann das Risikobewusstsein stärken, die berufliche Weiterbildung unterstützen und ein widerstandsfähigeres, informiertes Ökosystem fördern, das unser kulturelles Erbe schützt.

Für Family Offices und Risikomanager bedeutet dies, Technologie nicht nur für operative Effizienz zu nutzen, sondern als strategisches Instrument, um Bewusstsein zu schaffen und den langfristigen Schutz von Vermögenswerten zu stärken.

 

Bewusstsein schaffen durch digitale Interaktion

 

Eine zentrale Hürde für die breitere Nutzung von Kunstversicherungen bleibt das mangelnde Bewusstsein für den Vermögenswert und das Risikoprofil von Kunstobjekten. Um dem entgegenzuwirken, braucht es eine präventive, zielgerichtete Kommunikationsstrategie, etwas, das wir bei ARTE Generali als „Sharing culture to harvest market“ bezeichnen.

Digitale Werkzeuge ermöglichen es uns, spezifische Zielgruppen mit maßgeschneiderten Inhalten zu erreichen, die Wissen aufbauen und Risikobewusstsein fördern. Unsere Website ist ein 24/7-Ressourcenzentrum und bietet Fachartikel, Interviews und praktische Anleitungen zur Betreuung von Sammlungen und zum Risikomanagement. Dies macht sie zu einer vertrauenswürdigen Anlaufstelle für fundierte Entscheidungen.

Doch die digitale Reise endet dort nicht. KI-gestützte Werkzeuge – wie Marktanalyse-Apps – erhöhen die Interaktion, indem sie Nutzern helfen, sich in der zeitgenössischen Kunstlandschaft mit größerem Vertrauen und besserer Einsicht zurechtzufinden.

Letztlich ist digitale Kommunikation zwar essenziell, um Interesse und Bewusstsein von Grund auf zu fördern, doch die Ausbildung spezialisierter Vermittler bleibt ein entscheidendes Bindeglied in der Wertschöpfungskette. Diese Fachleute verbinden tiefes Fachwissen mit direktem Zugang zu einer breiten Kundenbasis. Und dank digitaler Technologie ist es heute möglich, ihre Ausbildung effizient und kostengünstig zu skalieren.

 

 

Integration menschlicher Expertise und Innovation: Ein ganzheitlicher Ansatz für Kunstversicherung

 

ARTE Generali wurde gegründet, um die Grenzen traditioneller Versicherungspolicen zu durchbrechen und einen umfassenden, wertorientierten Service zu bieten, der auf die Bedürfnisse anspruchsvoller Kunden zugeschnitten ist.

Die Erbringung dieses Leistungsniveaus ist jedoch keine Einzelleistung. Sie erfordert erhebliche Investitionen in den Aufbau eines belastbaren Netzwerks vertrauenswürdiger Experten in allen kritischen Bereichen – Kunstbewertung, Restaurierung, Transport, Lagerung, Sicherheit, Finanzen und Rechtsberatung. Dieses Ökosystem ermöglicht es uns, auf die einzigartigen und oft komplexen Bedürfnisse jedes Kunden präzise und sorgfältig zu reagieren.

Eine spezialisierte KunstBeratung sollte durch die Integration fortschrittlicher digitaler Technologien weiter verbessert werden. Diese ermöglichen einen strukturierteren Risikobewertungsprozess und gewährleisten die sichere Verwaltung und Weitergabe aller relevanten Dokumentationen – von Zertifikaten bis hin zu Zustandsberichten.

 

 

Risikobewertung und -beurteilung: Auf dem Weg zu kollaborativem, digitalem Sammlungsmanagement

 

Ein zentrales Problem in der Kunstversicherung und der Bewertung von Kunstwerken ist die fragmentierte und häufig informelle Dokumentation. So werden Risikobewertungen beispielsweise noch immer häufig mithilfe papierbasierter Fragebögen durchgeführt. Diese bergen Risiken wie unvollständige Daten, begrenzte Rückmeldungsmöglichkeiten und Sicherheitsbedenken – insbesondere dann, wenn sensible Informationen per EMail geteilt werden.

Auch die Bewertung und Verwaltung von Kunstwerken erfolgt oft ohne strukturierte digitale Systeme, die essenzielle Informationen wie Inventare, Provenienzen, Zustandsberichte oder hochauflösende Bilddokumentation zuverlässig bündeln. Um diese Ineffizienzen zu überwinden, ist die Einführung digitaler Werkzeuge für Risikobewertung und Sammlungsmanagement entscheidend.

OnlineTools für Risikobewertungen können potenzielle Gefahren für Kunstwerke analysieren, indem sie den Erhebungsprozess strukturieren, standardisierte Daten erfassen und Berichte erstellen, die kritische Risikobereiche hervorheben. Dies ermöglicht schnellere und besser informierte Rückmeldungen, vergleichbar mit diagnostischen Werkzeugen im Gesundheitswesen. Vermittler können Kundinnen und Kunden dadurch gezielter in substanzielle Gespräche über ihr Risikoprofil einbinden.

Parallel dazu bieten sichere OnlinePlattformen für das Sammlungsmanagement die Möglichkeit, Dokumentationen sicher zu archivieren, Objektlisten in Echtzeit zu aktualisieren und zentrale Unterlagen wie Versicherungsscheine, Zustandsberichte oder blockchainverifizierte digitale Nachweise zentral zu verwalten.

Zusammengenommen verbessern diese digitalen Lösungen Transparenz, Effizienz und Genauigkeit – sowohl in der Risikobewertung als auch im Sammlungsmanagement. Für Family Offices bedeutet dies einen stärkeren Schutz kultureller Vermögenswerte, eine effizientere Dienstleistungserbringung und strukturiertere, sicherere Übergabeprozesse von Sammlungen über Generationen hinweg.

Die gestiegene Bedeutung verstärkter DueDiligenceProzesse und eines robusten Dokumentenmanagements im Zusammenhang mit Nachlass und Übergabeprozessen wird zudem durch aktuelle Erkenntnisse aus der Art Basel and UBS Survey of Global Collecting 2024 hervorgehoben. ⁷

 

 

Ein neuer Humanismus: Technologie im Dienst menschlicher Fähigkeiten

 

Unser künstlerisches und kulturelles Erbe ist mehr als ein Vermächtnis der Vergangenheit. Es ist ein lebendiges Narrativ, das definiert, wer wir sind, woher wir kommen und wohin wir gehen. Es prägt unsere Identität, beeinflusst unsere Werte und inspiriert unsere Vorstellung von der Zukunft.

Um dieses Erbe zu würdigen, müssen wir es schützen, seine Sichtbarkeit und Zugänglichkeit erhöhen und Wege entwickeln, seinen gesellschaftlichen Einfluss messbar zu machen. Kulturelles Erbe ist nicht statisch – es ist eine dynamische Kraft der Verbindung, Bildung und Transformation.

Für Family Offices besitzt dieses Erbe sowohl emotionalen als auch finanziellen Wert und erfordert eine vorausschauende und verantwortungsvolle Verwaltung über Generationen hinweg.

Aus Perspektive der Nachlass- und Vermögensplanung spielt Technologie eine entscheidende Rolle bei der Bewahrung dieses Wertes. Fortschrittliche Bewertungs- und Sammlungsmanagementsysteme ermöglichen heute die präzise Nachverfolgung, Bewertung und Dokumentation von Vermögenswerten, sodass Sammlungen über die Zeit hinweg relevant und korrekt repräsentiert bleiben.

Die Einführung technologischer Innovationen in der Kunstwelt wird jedoch häufig mit einer Mischung aus Optimismus und Vorbehalten aufgenommen – und das aus nachvollziehbaren Gründen. Viele Fachleute entlang der Wertschöpfungskette kämpfen mit der Geschwindigkeit des Wandels und fürchten, dass ihre Rollen durch künstliche Intelligenz verdrängt werden könnten.

Deshalb ist es entscheidend, Technologie bewusst und zweckorientiert zu nutzen. Ziel sollte nicht sein, menschliche Expertise zu ersetzen, sondern sie zu erweitern. Technologische Werkzeuge sollen Fachleute stärken, Entscheidungsprozesse verbessern und langfristige Ziele wie Vermögenserhalt, Risikomanagement und Kontinuität über Generationen hinweg unterstützen.

Investitionen in Technologie müssen von einem klar strukturierten Change-ManagementAnsatz begleitet werden. In der Anfangsphase gilt es, interne Teams mit den Fähigkeiten und dem Vertrauen auszustatten, neue Werkzeuge und Modelle sicher anzuwenden. Anschließend sollte dieser kollaborative Ansatz auf vertrauenswürdige Vermittler und Partner ausgeweitet werden, damit auch sie befähigt werden, sich weiterzuentwickeln.

Widerstand war zu erwarten – die Kunstwelt ist traditionell nicht prozessorientiert –, doch wir bleiben entschlossen, den Wert menschlicher Expertise hervorzuheben, die durch intelligente Technologie verstärkt wird.

Auch hier gilt das Paradox der Innovation: Es genügt nicht, Technologie einfach zu nutzen; man muss ebenso verstehen, wie und warum man sie einsetzt.